Wie in der Zinswende agieren?

Die großen Notenbanken senken ihre Leitzinsen – doch nicht jede Sparform profitiert. Wer die neuen Rahmenbedingungen versteht, kann Chancen nutzen und Risiken vermeiden.

Nach zwei Jahren steigender Zinsen ist die geldpolitische Wende da. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) haben erstmals seit Jahren wieder Zinssenkungen eingeleitet. Für Sparerinnen, Anleger und Kreditnehmer beginnt damit eine neue Phase – mit Licht und Schatten.

Die neue geldpolitische Lage

Die EZB senkte im Juni, September und Oktober ihre Leitzinsen jeweils um 25 Basispunkte, die Fed im September sogar um 50 Basispunkte – die erste Senkung seit vier Jahren. Der Hintergrund: Die Inflation hat sich deutlich abgekühlt, während sich die Konjunktur in Europa abschwächt.

Im Euroraum lag die Teuerung im September bei 1,8 Prozent, also unterhalb des Zielwerts der EZB. Die Kerninflation, ohne Energie und Lebensmittel, blieb mit 2,8 Prozent jedoch noch über der Marke. In den USA dagegen zeigt sich ein anderes Bild: Die Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal um 2,6 Prozent, während sich die Preissteigerungen auf rund 2,3 Prozent einpendelten – genug Spielraum für die Fed, ihre Politik zu lockern, ohne Inflationsrisiken zu wecken.

Was das für Europa bedeutet

Während die Fed auf die Stabilisierung des Arbeitsmarkts und Konsumimpulse abzielt, hat die EZB ein anderes Problem: das schwache Wachstum. In Deutschland und Österreich stagnieren die Wirtschaftsleistungen, die Industrieproduktion liegt laut Eurostat im Jahresvergleich um rund 1,5 Prozent niedriger.

In dieser Lage wird die Senkung der Leitzinsen vor allem als Versuch gesehen, den Kreditmarkt zu beleben. Dennoch: Die Transmission geldpolitischer Impulse in den Euroraum verläuft träge. Banken geben Zinsveränderungen an Kreditnehmer und Sparer meist verzögert weiter – und selten symmetrisch.

Die Schattenseite für Sparer

Sinkende Leitzinsen sind für Kreditnehmer eine Entlastung, für Sparer dagegen eine Belastung. Bereits im Sommer zeigten sich bei klassischen Sparprodukten erste Reaktionen: Laut Oesterreichischer Nationalbank sank der durchschnittliche Zinssatz für täglich fällige Online-Sparprodukte von 1,38 Prozent im Mai auf 1,30 Prozent im Juli.

Ähnliche Trends lassen sich europaweit beobachten. Das Vergleichsportal Verivox berichtete im Oktober, dass rund acht Prozent der untersuchten Banken in Deutschland nach der Zinswende ihre Tagesgeldzinsen bereits gesenkt haben.

Für viele Sparer bedeutet das: Festgeldzinsen dürften bald nachgeben, besonders bei kurzen Laufzeiten. Am Ende der Laufzeit droht dann das sogenannte „Roll-Risiko“ – schlechtere Konditionen bei Neuveranlagung. Auch variable Produkte wie Tagesgeld oder Geldmarktfonds werden von der Zinsentwicklung erfasst, was langfristig zu geringeren realen Erträgen führen könnte.

Risiko bei Laufzeitfonds und Unternehmensanleihen

Ein weiterer Bereich, der von der aktuellen Lage betroffen ist, sind sogenannte Laufzeitfonds – Fonds mit festem Fälligkeitsdatum und Renditeziel. Diese Produkte profitierten in den vergangenen Jahren von steigenden Zinsen und hoher Nachfrage, sind nun aber mit neuen Risiken konfrontiert.

Insbesondere Fonds mit Laufzeiten zwischen 2027 und 2029 gelten derzeit als überbewertet. Die Kreditaufschläge (Spreads) von Emittenten mit schwächerer Bonität sind auf historische Tiefststände gefallen, während gleichzeitig die Renditedifferenzen zwischen Unternehmensanleihen hoher und mittlerer Qualität geschrumpft sind. Das Risiko-Ertrags-Verhältnis solcher Produkte ist daher weniger attraktiv.

Beispielsweise rentieren Unternehmensanleihen mit BBB-Rating aktuell im Schnitt mit 3,4 Prozent, solche mit AA-Rating mit 3,1 Prozent – ein historisch geringer Abstand, der zusätzliche Risiken kaum rechtfertigt.

Viele dieser Fonds halten die Anleihen bis zur Endfälligkeit, um Kuponrenditen zu sichern – verzichten damit aber auf mögliche Kursgewinne, falls die Zinsen schneller sinken als erwartet.

Wo Chancen liegen

Trotz sinkender Zinsen bleibt der Anleihemarkt für langfristig orientierte Anleger interessant. Die Einstandsrenditen liegen weiterhin über dem Durchschnitt der Jahre 2015–2021, und bei einem fortgesetzten Zinsrückgang besteht Potenzial für Kursgewinne.

Besonders Staatsanleihen und Pfandbriefe bieten derzeit stabile Erträge bei überschaubarem Risiko. Laut Bloomberg rentieren zehnjährige österreichische Bundesanleihen aktuell mit 2,5 Prozent, deutsche Bunds mit 2,3 Prozent – Werte, die trotz Zinsrückgangs real leicht positiv bleiben, wenn die Inflation weiter unter Kontrolle bleibt.

Auch unternehmensnahe Investment-Grade-Anleihen sind wieder eine Überlegung wert. Sie profitieren von der erwarteten geldpolitischen Lockerung, während gleichzeitig die Ausfallraten niedrig sind. Laut Moody’s liegt die globale Ausfallsrate von Unternehmensanleihen derzeit bei 2,3 Prozent, weit unter dem langfristigen Durchschnitt von 4,1 Prozent.

Flexibilität statt Fixverzinsung

Für Privatanleger gilt: In einem Umfeld sinkender Zinsen zählt Flexibilität mehr als starre Bindung. Wer zu lange auf Festgeld oder Laufzeitfonds setzt, riskiert, Renditechancen am Anleihemarkt zu verpassen. Ein aktiv gemanagtes Rentenportfolio, das auf unterschiedliche Laufzeiten, Bonitäten und Marktphasen reagieren kann, bietet hier Vorteile.

Darüber hinaus lässt sich die Diversifikation erweitern – etwa durch inflationsindexierte Anleihen oder nachhaltige Unternehmensanleihen, die in Europa zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die Europäische Investitionsbank (EIB) berichtet, dass das Volumen nachhaltiger Anleihen 2024 um 21 Prozent gewachsen ist – ein Zeichen, dass der Markt auch auf geldpolitischer Ebene breiter wird.

Fazit: Eine neue Balance zwischen Risiko und Chance

Die Zinswende markiert nicht das Ende des Zinses, sondern den Beginn einer neuen Phase. Sparer müssen mit geringeren Erträgen rechnen, während für Anleger neue Möglichkeiten entstehen – vorausgesetzt, sie agieren strategisch.

In einem Umfeld fallender Leitzinsen und moderater Inflation gilt es, alte Gewohnheiten zu hinterfragen: Wer sein Geld zu starr auf klassischen Konten parkt, verliert langfristig an Kaufkraft. Wer dagegen flexibel bleibt und auf qualitativ hochwertige Anleihen oder gemischte Portfolios setzt, kann selbst in einem Umfeld sinkender Zinsen profitieren.