Warum Österreichs Vermögen trotz voller Konten schrumpft
Erschienen im Standard im Dezember 2025
Europa erlebt seit Jahren eine Phase ungewöhnlich hartnäckiger Teuerung. In Österreich hat diese Entwicklung sichtbare Spuren hinterlassen. Obwohl mehr Geld auf den Konten liegt als je zuvor, verliert ein typischer Haushalt an kaufkräftigem Vermögen. Der Widerspruch zwischen steigenden Sparsummen und sinkendem Wohlstand ist ein zentrales Phänomen dieser Zeit.
Inflation als Alltagserfahrung
Lange galt Inflation als abstrakte Größe. Erst der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, die Energiepreisschocks und seine Folgen machten Teuerung zu einem festen Bestandteil der öffentlichen Debatte. Österreich liegt beim Preisauftrieb seit Jahren über dem europäischen Durchschnitt. Die nationale Inflationsrate bewegte sich ab 2021 deutlich oberhalb der Kernrate der Eurozone. Das veränderte die Wahrnehmung vieler Familien.
Mehr Vermögen auf dem Papier, weniger in der Realität
Laut einem Bericht der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) stieg das Geldvermögen der österreichischen Haushalte im Jahr 2024 auf rund 896 Milliarden Euro, was ein neues Rekordniveau darstellt. Dieser Zuwachs entsteht aber zu einem großen Teil dadurch, dass Preise und Einkommen generell gestiegen sind.
Inflationsbereinigt ergibt sich ein anderes Bild. Das reale Finanzvermögen lag zuletzt zwei Prozent unter dem Wert von vor fünf Jahren. Damit ist ein Großteil des vermeintlichen Wohlstandsgewinns wieder verpufft. Auch im europäischen Vergleich fällt auf, dass Österreich zu den Ländern gehört, in denen die reale Vermögensentwicklung seit 2021 besonders unter Druck steht.
Verlust trotz Rekordsparen
2024 wurde so viel Geld zurückgelegt wie nie zuvor. Über 30 Milliarden Euro flossen auf Konten und Sparbücher. Damit wurde sogar das pandemiebedingte Zwangssparen von 2020 übertroffen. Trotzdem schrumpft das Vermögen. Für das Jahr 2024 ergibt sich laut ökonomischen Berechnungen ein realer Verlust von rund 26 Milliarden Euro. Auf Haushaltsebene entspricht das etwa 6.500 Euro. Auf Basis der Wirtschafts- und Inflationsprognosen des WIFO schätzte das Finanzministerium den Kaufkraftverlust der Konsument:innen im Jahr 2022 auf zwölf Milliarden Euro. Seit Anfang 2021 summieren sich die Kaufkraftverluste im Durchschnitt somit auf rund 17.000 Euro je Haushalt. Dieser Befund macht deutlich, wie teuer es wurde, Geld in klassischen Sparformen zu parken.
Europas konservativste Sparkultur
Österreich zählt zu den Ländern mit der stärksten Tradition des sicheren Sparens. Rund 37 Prozent der gesamten Ersparnisse liegen auf Girokonten, Sparbüchern oder in Bargeld. Kaum ein Land der Eurozone weist einen ähnlich hohen Anteil auf. Das Sicherheitsbedürfnis ist historisch gewachsen, führt aber in Hochinflationsphasen zu erheblichen Einbußen.
Der Nullzins der vergangenen Dekade verstärkte diese Entwicklung. 2012 lagen etwa 25 Prozent der gesamten Ersparnisse auf Sparbüchern. Zehn Jahre später waren es nur noch elf Prozent. Gleichzeitig verdoppelte sich der Anteil der Guthaben auf Girokonten. Erst als die Europäische Zentralbank ab Mitte 2022 den Leitzins drastisch anhob, reagierten viele Haushalte und verschoben Gelder. Im Jahr 2023 wurden 22,4 Milliarden Euro (Nettobetrachtung) an täglich fälligen Einlagen abgebaut und 25,8 Milliarden Euro an gebundenen Einlagen aufgebaut. Damit reduzierte sich der Bestand an täglich fälligen Einlagen der Haushalte von 216,5 Milliarden Euro 2022 auf 193,9 Milliarden Euro Ende 2023.
Warum mehr Sparen nicht automatisch schützt
Der europäische Vergleich zeigt, wie stark reale Vermögensverluste von der Struktur der Ersparnisse abhängen. Länder mit höherer Wertpapierquote, etwa die Niederlande oder Dänemark, konnten Teuerungseffekte besser abfedern. Österreich blieb dagegen in traditioneller Sicherheit verhaftet.
Ein einfaches Beispiel verdeutlicht die Dimension. Liegt ein Guthaben von 20.000 Euro auf einem niedrig verzinsten Sparbuch und steigt die Inflation drei Jahre lang jeweils um drei Prozent, verliert dieses Kapital real rund 1.700 Euro an Kaufkraft. Selbst ein Zinssatz von einem Prozent kann diesen Effekt kaum kompensieren.
Dabei zwingt die aktuelle Situation europäische Haushalte zum Umdenken. Inflation ist kein Randthema mehr. Sie hat den Alltag erreicht. Dass österreichische Haushalte trotz Rekordsparen real ärmer werden, zeigt, wie weit die geldpolitischen Veränderungen und die private Finanzrealität auseinanderklaffen.
Haben Sie die Inflation der letzten Jahre gespürt?
Bei welchen Produkten oder Dienstleistungen hat Sie der Preisanstieg am meisten getroffen? Spüren Sie persönlich den Kaufkraftverlust stärker, als die offizielle Inflationsrate vermuten lässt? Glauben Sie, dass die traditionelle österreichische Sparkultur noch zeitgemäß ist, oder braucht es ein grundsätzliches Umdenken beim Vermögensaufbau? (Bernhard Führer, 11.12.2025)




