Vom Sparschwein zum Aktienfonds: Wie Eltern für Kinder Vermögen aufbauen können
Erschienen im Oktober 2025, im Standard
Nachdem Kinder durch Taschengeld die ersten Schritte im Umgang mit Geld gelernt haben, stellt sich für Eltern eine weiterführende Frage: Wie lässt sich dieses neu erworbene Finanzwissen in langfristige Vermögensbildung überführen? Die Antwort liegt nicht mehr im klassischen Sparbuch, da die Großelterngeneration noch mit vier Prozent und mehr an Sparzinsen rechnen konnte, und heutige Kinder in einer Welt nahe der Nullzinsen aufwachsen. Dieser fundamentale Wandel zwingt Familien dazu, Vermögensaufbau völlig neu zu denken – und macht aus der einst sicheren Spardose eine Falle für Kaufkraftverlust.
Warum Kinder die besten Anleger sind
Früher reichte das Sparbuch zur Vermögensbildung – heute führt bei der Vorsorge für Kinder kaum ein Weg am Kapitalmarkt vorbei. Der entscheidende Vorteil: Zeit. Bei einem Anlagehorizont von 18 Jahren bis zur Volljährigkeit werden kurzfristige Marktrückschläge langfristig mehr als ausgeglichen. Ob Finanzkrise, Brexit oder Pandemie – auf lange Sicht zeigt sich immer wieder das gleiche Muster: Die Erholung gleicht zwischenzeitliche Verluste aus.
Eine Analyse des MSCI World Index (= ein breit gefächerter Durchschnitt der Kapitalmärkte) zeigt, dass in über 60 Prozent der untersuchten Zeiträume eine Verdopplung der eingezahlten Beträge möglich gewesen wäre. Nur in extrem seltenen Ausnahmefällen – etwa zwei von knapp 450 untersuchten Zeitfenstern seit 1970 – hätte ein 18-jähriger Anlagehorizont im Minus geendet, jedoch auch nur geringfügig und konnte durch Verteilung auf Anlageklassen noch weiter reduziert werden. Die Ausnahmefälle treten vor allem dann auf, wenn man zu einem ungünstigen Zeitpunkt einsteigt (hohe Bewertungen, kurz vor einer Blase), und/oder wenn das Umfeld über lange Zeit sehr herausfordernd ist (Inflation, schwaches Wachstum, politische/finanzielle Krisen).
Zahlen, die den Unterschied machen
Ein einfaches Rechenbeispiel zeigt, wie stark der Zinseszinseffekt in Verbindung mit Anlagen wirkt:
Hätten diese 10.800 Euro auf einem klassischen Giro- oder Sparkonto gelegen, ergäbe sich bei einem Nullzins exakt dieser Betrag – ohne Mehrwert (nach Kaufkraftverlusten und Steuern entsprechend weniger). Wären sie jedoch in einen weltweit streuenden Indexfonds geflossen, hätte das durchschnittliche Ergebnis nahe 30.000 Euro betragen. Das entspricht einer nahezu Verdreifachung des Betrags, wohlgemerkt ohne Einmalrisiken oder die Jagd nach dem “richtigen Einstiegszeitpunkt”.
Vom Sparbuch zur “Frühstartrente”
Dass klassische Sparformen ausgedient haben, ist längst auch politisch angekommen. Während in Deutschland eine “Frühstartrente” diskutiert wird, bei der Eltern monatliche Zuschüsse nur dann erhalten, wenn sie in den Kapitalmarkt investieren, gibt es in anderen europäischen Ländern ähnliche Überlegungen zu staatlich geförderten Kinderdepots.
Natürlich bleiben Zweifel: Inflation, geopolitische Krisen, Klimawandel oder protektionistische Politik sind reale Risiken. Doch die historische Datenlage zeigt, dass die Chancen deutlich überwiegen – vorausgesetzt, es wird breit gestreut und regelmäßig investiert.
Gerade für Kinder eignet sich das Prinzip des Sparplans: Monat für Monat fließt ein fixer Betrag in den Markt, unabhängig davon, ob die Kurse hoch oder niedrig stehen. So können Schwankungen geglättet werden und ein vermeintlich perfekter Einstiegszeitpunkt ist damit erst gar nicht nötig.
Ein Lernfeld für die nächste Generation
Die Kombination aus frühem Beginn, regelmäßigen Einzahlungen und langem Anlagehorizont schafft ideale Voraussetzungen für einen erfolgreichen Vermögensaufbau. Während das traditionelle Sparbuch seinen Kindern kaum mehr als den Erhalt des nominalen Wertes bietet, können durchdachte Kapitalmarktstrategien eine solide Basis für deren finanzielle Zukunft legen. Der Aufbau eines Vermögens für Kinder erfordert demnach Geduld, Disziplin und die Bereitschaft, kurzfristige Schwankungen zu akzeptieren. Die historischen Daten sprechen jedoch eine klare Sprache: Zeit ist der wertvollste Verbündete beim Vermögensaufbau – und davon haben Kinder mehr als genug.
Finanzielle Vorsorge für Kinder bedeutet dabei mehr als nur Zahlen auf einem Depotkonto. Sie schafft auch einen pädagogischen Wert: Wer früh erlebt, dass Geld nicht einfach auf einem Sparbuch liegen sollte, sondern sinnvoll arbeiten kann, entwickelt langfristig ein anderes Verhältnis zu Finanzen. Im Anschluss an die Diskussion um Taschengeld als Lernfeld wird hier ein weiterer Schritt sichtbar: Sparen und Investieren sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille. (Bernhard Führer, 2.10.2025)




