Finanzielle Früherziehung: Taschengeld als Lernfeld
Erschienen im Standard, im September 2025
Für Kinder ist es oft das erste eigene Einkommen: das Taschengeld. Damit beginnt nicht nur die kleine Freiheit, selbst über Ausgaben zu entscheiden, sondern auch ein Lernprozess, der weit über den nächsten Einkauf hinausgeht. Die Frage lautet: Wie viel Geld ist im richtigen Alter angemessen – und welche Rolle spielt es für die finanzielle Bildung? Die ersten finanziellen Gehversuche im Kinderzimmer entscheiden oft darüber, ob aus Heranwachsenden selbstständige Finanzstrategen oder überforderte Schuldner werden.
Höhe des Taschengeldes
Die Höhe des Taschengeldes in Österreich variiert erheblich nach Alter der Kinder. Wie die offizielle Regierungsseite österreich.gv.at erklärt, hängt die angemessene Höhe davon ab, wie viel Unterhalt den Kindern und Jugendlichen zusteht und wie alt sie sind. Es finden sich dazu Richtwerte. Als Orientierung gilt: Volksschulkinder erhalten meist nur wenige Euro pro Woche, etwa ein bis zwei Euro im Alter von sechs bis sieben Jahren und rund zwei bis drei Euro im Alter von acht bis zehn Jahren. Bei älteren Kindern steigt der Betrag Schritt für Schritt. Wie viel Geld die Jugendliche oder der Jugendliche tatsächlich bekommt, müsse mit den Eltern selbst ausgehandelt werden.
Von der Schülerin zur Finanzmanagerin
Der Wandel vom spielerischen Umgang mit Münzen hin zur bewussten Budgetplanung vollzieht sich in mehreren Etappen. Bereits im Volksschulalter entwickeln Kinder ein Verständnis für den Wert von Gegenständen – nicht nur in Euro und Cent, sondern in Relation zu ihrem eigenen finanziellen Spielraum. Ein Spielzeug für zehn Euro bedeutet für ein Kind mit 15 Euro monatlichem Taschengeld eine völlig andere Investition als für eines mit 40 Euro.
Diese frühe Erfahrung des Abwägens, des Verzichts und der bewussten Prioritätensetzung trainiert wichtige kognitive Fähigkeiten. Neuropsychologen definieren Executive Functions als jene geistigen Prozesse, die Arbeitsgedächtnis, Impulskontrolle und flexible Aufmerksamkeitssteuerung umfassen. Das Harvard Center on the Developing Child beschreibt diese Fähigkeiten als “Fluglotsen-System im Gehirn”, das dabei hilft, Informationen zu verwalten, Entscheidungen zu treffen und vorausschauend zu planen.
Wenn Geld unsichtbar wird
Die Digitalisierung hat auch vor dem Kinderzimmer nicht Halt gemacht. Während Taschengeld traditionell in bar ausgezahlt wurde, wechseln immer mehr Familien zu digitalen Lösungen – besonders in den höheren Schulstufen. Diese Entwicklung bringt neue pädagogische Herausforderungen mit sich: Wie vermittelt man den Wert des Geldes, wenn es nur noch als Zahl auf dem Bildschirm existiert? Jedoch gilt Bargeld als pädagogisch wertvolles Instrument, weil Kinder am sichtbar-spürbaren Geld direkte Erfahrungen mit Guthaben und Ausgaben machen. Gleichzeitig zeigen aktuelle Studien, dass Familien zunehmend auf digitale Lösungen setzen, um Kindern den Umgang mit modernen Zahlungsmitteln zu vermitteln.
Die Zeiten, in denen Taschengeld als Instrument der Verhaltenssteuerung eingesetzt wurde, gehören der Vergangenheit an. Pädagogen warnen eindringlich davor, finanzielle Zuwendungen an Schulnoten zu koppeln oder als Druckmittel für Hausarbeiten zu verwenden. Stattdessen hat sich ein systemischer Ansatz durchgesetzt: Taschengeld als bedingungslose Grundlage für finanzielle Bildung.
Dieser Paradigmenwechsel bedeutet auch, dass Kinder durchaus “falsche” Kaufentscheidungen treffen dürfen – ja sogar sollen. Der überteuerte Gegenstand, der nach zwei Wochen in der Ecke liegt, vermittelt eine wertvollere Lektion als jede theoretische Belehrung über Preis-Leistungs-Verhältnisse.
Die Gefahren des Überflusses
Paradoxerweise kann zu viel Taschengeld kontraproduktiv wirken. Kinder, die sich jeden Wunsch sofort erfüllen können, entwickeln weder Frustrationstoleranz noch Planungskompetenz. Sie erleben nie das befriedigende Gefühl, für etwas Begehrenswertes gespart zu haben, und verpassen die wichtige Erfahrung, dass nicht alle Wünsche gleichzeitig erfüllbar sind.
Besonders problematisch wird es, wenn unterschiedliche finanzielle Standards in der Familie – etwa nach einer Trennung der Eltern – die erzieherische Wirkung des Taschengelds untergraben. Ein Elternteil, der jeden Wunsch erfüllt, während der andere auf sorgfältige Budgetierung setzt, sabotiert unwillentlich die finanzielle Erziehung.
Finanzielle Entscheidungen treffen
Taschengeld ist weit mehr als ein kleiner Geldbetrag. Es ist ein Werkzeug, um Kinder Schritt für Schritt an die Realität finanzieller Entscheidungen heranzuführen. Wichtig ist nicht nur die Höhe, sondern auch die Haltung der Eltern. Vertrauen, klare Rahmenbedingungen und die Bereitschaft, Fehler zuzulassen.
Denn erst, wenn Kinder lernen, dass Geld begrenzt ist, können sie verstehen, was es bedeutet, selbstbestimmt zu wirtschaften.
Welche Erfahrungen haben Sie mit Taschengeld gemacht?
Welche Erfahrungen prägen die eigene Sicht auf Taschengeld – frühe Strenge oder großzügige Freiheit? Wurden Sie eher zum Sparen angeregt oder zum Konsum? Sollte Taschengeld heute unbedingt auch digital verfügbar sein, oder bleibt Bargeld das wichtigere Lerninstrument? Ab welchem Alter halten Sie es für sinnvoll, Kindern Verantwortung über eigene Finanzen zu geben? (Bernhard Führer, 16.9.2025)




