ETFs unter der Lupe: Warum die Fondsflut zur Falle werden kann
Die Idee hinter einem Exchange Traded Fund ist bestechend einfach: Ein kostengünstiger, börsengehandelter Fonds bildet einen Index nach – und liefert damit automatisch die Marktrendite, ohne teure Fondsmanager zu bezahlen. Genau diese Eigenschaften haben ETFs in den vergangenen zwei Jahrzehnten von einer Nischenlösung zum Masseninstrument gemacht. Laut der Finanzmarktaufsicht (FMA) investiert bereits jeder dritte neue Kleinanleger in Österreich in ETFs – ein Zuwachs von rund 240 % innerhalb von zwei Jahren.
Doch das wachsende Interesse hat eine Kehrseite. Das Angebot an ETF-Produkten wächst schneller als die Fähigkeit vieler Anleger, die Qualität dieser Produkte einzuschätzen. Allein an der deutschen Börse Xetra waren Ende 2025 knapp 2.800 ETFs handelbar – ein Plus von über 350 gegenüber dem Vorjahr und mehr als doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. In diesem Produktdschungel tummeln sich nicht nur solide Indexfonds, sondern zunehmend auch komplexe, teure und renditeträchtig klingende Konstruktionen, die dem klassischen ETF-Versprechen widersprechen.
Passiv oder aktiv – und warum das den Unterschied macht
Der Kerngedanke eines klassischen ETFs ist die passive Indexnachbildung: Der Fonds kauft einfach alle Wertpapiere eines Index in der richtigen Gewichtung und verändert die Zusammensetzung nur dann, wenn der Index es vorschreibt. Kein Fondsmanager trifft diskretionäre Entscheidungen, keine Research-Teams analysieren Einzeltitel – und genau deshalb fallen die Kosten so niedrig aus.
Doch dieser Grundsatz wird zunehmend ausgehöhlt. Immer mehr Produkte am ETF-Markt verfolgen eine aktive Strategie: Ein Managementteam wählt Wertpapiere gezielt aus und versucht, den Vergleichsindex zu übertreffen. Diese Produkte heißen zwar noch ETF, funktionieren aber wie klassisch gemanagte Fonds – mit all ihren Nachteilen.
Die Datenlage zur Frage „aktiv oder passiv?“ ist eindeutig. Der SPIVA-Report (S&P Indices Versus Active), der seit über zwanzig Jahren als Goldstandard für diesen Vergleich gilt, liefert regelmäßig ernüchternde Befunde. In der Ausgabe 2025 blieben in 18 von 21 Fondskategorien zwischen 50 und 90 Prozent der europäischen Aktienfonds hinter ihrer Benchmark zurück. Auf Sicht von zehn Jahren schaffen es laut SPIVA in vielen Kategorien nur noch etwa fünf Prozent der aktiven Fonds, eine echte Überrendite zu erzielen. Eine separate Scope-Analyse aus dem Frühjahr 2025 bestätigt das: In einer Auswertung von rund 2.000 aktiv verwalteten Aktienfonds konnten 2024 lediglich 19,1 Prozent die jeweilige Benchmark übertreffen.
Was bedeutet das in der Praxis? Wer 100.000 Euro in einen aktiv gemanagten Fonds mit einer jährlichen Verwaltungsgebühr von 1,5 % investiert, zahlt gegenüber einem günstigen ETF mit 0,2 % TER jedes Jahr 1.300 Euro mehr – ohne dafür statistisch gesehen eine höhere Rendite zu bekommen. Über 20 Jahre ergibt dieser Unterschied, zinseszinsverstärkt, einen fünfstelligen Betrag, der einfach wegoptimiert werden kann.
Das Gebührenproblem: Wenn Kosten die Rendite auffressen
Die durchschnittliche Gesamtkostenquote (TER) eines ETFs liegt derzeit bei rund 0,3 % pro Jahr. Das klingt nach wenig – ist es aber nur, solange man weiß, was man kauft. Ein Drittel der am Markt angebotenen ETFs verlangt deutlich höhere Gebühren, manche überschreiten sogar die Marke von einem Prozent jährlich. Besonders aktiv gemanagte ETFs, Themen-ETFs und Nischenprodukte tendieren in diesen Bereich.
Das österreichische Steuerrecht verschärft den Kostenaspekt zusätzlich. Auf realisierte Kursgewinne, Dividenden und Ausschüttungen fällt die Kapitalertragsteuer (KESt) von 27,5 % an. Anders als in Deutschland gibt es in Österreich keinen Sparerpauschbetrag: Jeder Euro an Kapitalertrag ist ab dem ersten Cent steuerpflichtig. Das bedeutet, dass die Netto-Rendite nach Kosten und Steuern besonders empfindlich auf hohe Gebühren reagiert. Ein Fonds, der 1 % mehr kostet als ein Konkurrenzprodukt, muss diese Mehrkosten erst durch Mehrrendite wieder hereinholen – was, wie die Daten zeigen, selten gelingt.
Themen-ETFs: Spannend klingende Produkte mit ernüchternden Ergebnissen
Kein Bereich des ETF-Marktes wächst so dynamisch wie die sogenannten Themen-ETFs. Künstliche Intelligenz, Rüstung und Verteidigung, Cybersicherheit, saubere Energie – die Palette aktuell aufgelegter Produkte orientiert sich am Zeitgeist und verspricht, an den Megatrends der Zukunft zu partizipieren.
Das Grundproblem: Wenn ein Thema in aller Munde ist und ein ETF darauf aufgelegt wird, ist die spannende Entwicklung häufig bereits im Kurs eingepreist. Hinzu kommen strukturelle Schwächen: Themen-ETFs konzentrieren sich auf eine enge Auswahl von Unternehmen aus einer Branche oder einem Sektor. Die Diversifikation – eines der wenigen wirklich kostenlosen Mittagessen in der Finanzwelt, wie der Nobelpreisträger Harry Markowitz es formulierte – fehlt weitgehend. Gleichzeitig liegen die Kosten solcher Produkte oft deutlich über dem Marktdurchschnitt.
Langfristige Performanceauswertungen zeigen, dass die meisten Themen-ETFs nach einigen Jahren entweder geschlossen werden oder deutlich hinter breiten Marktindizes zurückbleiben. Diese Schließungsrate ist kein Randphänomen: Allein 2025 wurden in Europa über fünf Prozent aller aktiven Rentenfonds fusioniert oder liquidiert – ein Faktor, der in den Performancevergleichen oft unberücksichtigt bleibt und die tatsächliche Bilanz aktiver und thematischer Strategien noch ungünstiger erscheinen lässt.
Der Survivorship Bias verzerrt dabei die Wahrnehmung erheblich: Wer nur auf Fonds schaut, die heute noch am Markt sind, sieht automatisch eine zu positive Bilanz. Schlechte Fonds verschwinden – und damit auch ihre schlechte Performance aus den Statistiken.
Was einen guten ETF ausmacht
Angesichts dieser Entwicklungen lohnt es sich, die Auswahlkriterien für ETFs klar zu benennen. Fünf Parameter sind dabei entscheidend:
Passives Management. Ein ETF, der einen Index mechanisch nachbildet, hat strukturell niedrigere Kosten und erreicht zuverlässig die Marktrendite. Das ist keine Niederlage, sondern statistisch gesehen ein Sieg gegenüber der überwältigenden Mehrheit aktiver Fondsmanager.
Niedrige Gesamtkostenquote. Gut konstruierte, breit diversifizierte Aktien-ETFs auf globale Indizes sind heute mit TERs von unter 0,2 % erhältlich. Jede Abweichung nach oben bedarf einer Begründung – und diese Begründung sollte datengestützt sein, nicht marketinggetrieben.
Ausreichendes Fondsvolumen. Kleine ETFs mit einem Volumen unter 50 bis 100 Millionen Euro tragen ein erhöhtes Schließungsrisiko. Für langfristige Anlagestrategien empfehlen sich etablierte Produkte mit deutlich größerem Vermögen.
Breite Diversifikation. Ein ETF auf den MSCI World umfasst rund 1.500 Unternehmen aus 23 Industrieländern. Ein Themen-ETF auf KI-Unternehmen enthält vielleicht 30. Das ist kein Diversifikationsinstrument – es ist ein konzentriertes Wett auf einen Sektor.
Steuerliche Transparenz in Österreich. Nicht jeder in Europa handelbare ETF ist in Österreich steuerlich einfach abzuwickeln. Bei inländischen Brokern wird die KESt automatisch abgeführt. Bei ausländischen Depots ohne österreichische Niederlassung müssen Kapitalerträge selbst deklariert werden – ein oft unterschätzter Aufwand. Die FMA-Fondsdatenbank gibt Auskunft, welche Produkte in Österreich zum Vertrieb zugelassen sind.
Der entscheidende Denkfehler beim ETF-Kauf
Viele Anleger suchen beim ETF-Kauf nach dem „besten“ Produkt – gemessen an der vergangenen Performance. Das ist ein grundlegender Fehler. Die SPIVA Persistence Scorecard zeigt: Von den aktiven Fonds, die vor fünf Jahren im Top-Quartil lagen, schafften es nur 0,4 % der globalen Aktienfonds, fünf Jahre später noch dort zu sein. Performance-Kontinuität ist bei Fonds die absolute Ausnahme.
Bei passiven ETFs auf denselben Index ist die vergangene Performance ohnehin kein sinnvolles Auswahlkriterium: Sie werden sich fast identisch entwickeln. Was zählt, sind die Kosten, die Replikationsmethode und die Stabilität des Anbieters.
Wer beim Vermögensaufbau mit ETFs langfristig denkt, kommt zu einem schlichten Ergebnis: Ein breit gestreuter, kostengünstiger Indexfonds auf den globalen Aktienmarkt, kombiniert mit Geduld und Kontinuität, schlägt statistisch gesehen die überwiegende Mehrheit aktiver Fonds – und die meisten thematischen Spezialprodukte erst recht.