ETFs und das Ende der teuren Beratungsillusion

Es gibt Anlageinstrumente, die ihren Siegeszug nicht durch Marketingkampagnen angetreten haben, sondern durch schiere Evidenz. Exchange Traded Funds – kurz ETFs – gehören dazu. In Europa verwalteten sie Ende 2024 bereits rund 2,18 Billionen Euro, ein Plus von 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie eine Morningstar-Analyse des europäischen ETF-Markts zeigt. Nettozuflüsse von 247 Milliarden Euro übertrafen dabei den bisherigen Rekord aus dem Jahr 2021 um mehr als die Hälfte. Allein auf der Handelsplattform Xetra wurden 2024 mit ETFs und Exchange Traded Products rund 1,83 Billionen Euro verwaltet – ebenfalls ein historischer Höchststand.

Österreich hinkt dieser Entwicklung noch hinterher. Laut OeNB halten lediglich zwölf Prozent der österreichischen Haushalte Investmentfonds, sechs Prozent Aktien und drei Prozent Anleihen – das gesamte Wertpapierengagement bleibt damit für eine Volkswirtschaft mit einem Haushaltsvermögen von 936,7 Milliarden Euro bemerkenswert niedrig. Und jene, die investieren, tun es häufig noch über Kanäle, die an der Kostenstruktur der vergangenen Jahrzehnte festhalten.

Genau hier liegt die eigentliche Sprengkraft des ETF-Themas für die unabhängige Anlageberatung in Österreich.

Was ein ETF von einem klassischen Fonds unterscheidet – konkret

Ein ETF bildet einen Index nach – etwa den MSCI World, den ATX oder einen Anleihenindex. Er wird nicht von einem Fondsmanager aktiv gesteuert, sondern folgt regelgebunden der Zusammensetzung des Index. Das hat Konsequenzen vor allem bei den Kosten: Während aktiv gemanagte Publikumsfonds laut der FMA-Marktstudie 2025 zu Fondsgebühren im volumengewichteten Mittelwert laufende Verwaltungsgebühren von 1,13 Prozent (Mischfonds: 1,32 Prozent, Aktienfonds: 1,46 Prozent) aufweisen, liegen die Kosten vergleichbarer passiver ETFs auf denselben Märkte typischerweise zwischen 0,05 und 0,25 Prozent.

Der Unterschied klingt gering. Er ist es nicht. Bei einer Anlage von 100.000 Euro ergibt eine Differenz von einem Prozentpunkt über zwanzig Jahre einen Renditevorteil von mehr als 22.000 Euro – und das ist die konservative Rechnung, ohne Zinseszinseffekt auf die eingesparten Kosten.

Ein Beispiel aus der Beratungspraxis: Wer in einen aktiv gemanagten österreichischen Aktienfonds mit einem Ausgabeaufschlag von 4,26 Prozent und laufenden Gebühren von 1,46 Prozent investiert, zahlt im ersten Jahr allein an Eintrittskosten und Verwaltung gut 5,72 Prozent – bevor ein einziger Euro Rendite erwirtschaftet wurde. Ein vergleichbarer UCITS-ETF auf den MSCI World kostet oft weniger als 0,20 Prozent laufend und hat keinen Ausgabeaufschlag. Das Renditepotenzial ist strukturell identisch – was sich unterscheidet, ist die Kostenbelastung.

Die Empirie spricht eine klare Sprache

Was die Kostenfrage zur wirklich brisanten macht, ist die Leistungsbilanz aktiver Fonds. Die S&P SPIVA-Studien – das anerkannteste Erhebungsinstrument im globalen Vergleich aktiver und passiver Strategien – messen seit mehr als zwei Jahrzehnten, wie viele aktiv gemanagte Fonds ihre jeweilige Benchmark schlagen. Das Ergebnis ist seit Beginn der Erhebung stabil: Über einen Zeitraum von 15 Jahren bis Ende 2024 gelang es lediglich 10,5 Prozent der aktiv gemanagten Large-Cap-Fonds in den USA, den S&P 500 zu übertreffen. Für Europa fielen die Ergebnisse ähnlich aus.

Für europäische Aktienfonds zeigen die Daten über zehn Jahre, dass rund 92 Prozent die eigene Benchmark nicht schlagen. Das bedeutet: Wer in einen aktiv gemanagten Europafonds investiert, hat statistisch gesehen eine Neun-zu-eins-Chance, mit einem passiven ETF auf denselben Markt besser abzuschneiden – und das nach Abzug aller Kosten. Der Artikel „Japans Börsenjahrzehnte: Eine Lektion gegen Panik“ zeigt an einem der eindrucksvollsten historischen Fälle der Finanzgeschichte, wie wichtig es ist, strukturelle Anlagen diszipliniert durchzuhalten – anstatt auf aktive Wetten zu setzen, die selten aufgehen.

Warum ETFs im Provisionsmodell selten empfohlen werden

Hier liegt das strukturelle Kernproblem für den österreichischen Markt. Bei einer Honorarberatung können Honorarberater ohne Interessenkonflikt Mandanten von Neuinvestitionen abraten und stattdessen kostengünstige, provisionsfreie Produkte wie ETFs empfehlen. Im Provisionsmodell hingegen entsteht aus einem ETF-Kauf typischerweise keine Beratervergütung – oder eine sehr geringe. Ein aktiv gemanagter Fonds mit einem Ausgabeaufschlag von 3 bis 4 Prozent und laufenden Kickbacks an den Vertrieb ist für den provisionsfinanzierten Berater schlicht das deutlich attraktivere Produkt.

Das Wertpapieraufsichtsgesetz 2018 (WAG 2018) schafft hier zwar eine klare rechtliche Grundlage: Wer als unabhängiger Honoraranlageberater konzessioniert ist, darf keine Provisionen von Produktanbietern annehmen. Alle Zuwendungen müssen vollständig an den Klienten weitergeleitet werden. Die Vergütung erfolgt ausschließlich direkt durch den Klienten. Nur wer diese Bedingungen erfüllt, darf sich in Österreich rechtlich „unabhängig“ nennen. Das FMA-Konzessionsregister unter fma.gv.at erlaubt jedem die kostenlose Überprüfung.

Der unabhängige Honorarberater hat damit einen strukturellen Anreiz, der sich von jenem des Provisionsberaters fundamental unterscheidet: Er wird besser bezahlt, wenn sein Klient langfristig ein gutes Ergebnis erzielt – nicht, wenn ein Produkt mit hoher Provision verkauft wird.

Das österreichische Steuerregime und ETFs

Ein Aspekt, der in der österreichischen ETF-Diskussion regelmäßig unterschätzt wird, ist das steuerliche Regime. Laut Bundesministerium für Finanzen unterliegen Kapitalerträge aus ETFs – Kursgewinne, Dividenden und ausschüttungsgleiche Erträge – in Österreich der Kapitalertragsteuer (KESt) von 27,5 Prozent. Es gibt keinen Freibetrag.

Was das konkret bedeutet, lässt sich an thesaurierenden ETFs zeigen: Auch wenn kein Geld ausbezahlt wird, fallen auf die sogenannten ausschüttungsgleichen Erträge jährlich Steuern an – der Fonds meldet diese Daten über die Österreichische Kontrollbank (OeKB). Bei einem steuereinfachen inländischen Broker läuft dieser Prozess automatisiert. Bei Auslandsdepots hingegen müssen Anleger die steuerrelevanten Daten selbst recherchieren und in der Steuererklärung angeben – ein nicht trivialer Aufwand, der regelmäßig unterschätzt wird.

Für die Besteuerung von Wertpapieren in Österreich gilt außerdem das Prinzip des gleitenden Durchschnittspreises: Wer ETF-Anteile zu verschiedenen Kursen kauft, wird beim Verkauf auf Basis des durchschnittlichen Einstandspreises besteuert – ein Unterschied zum deutschen First-In-First-Out-Prinzip, der bei der Portfolioplanung berücksichtigt werden sollte. Auch das Fondsdomizil spielt eine Rolle: Viele in Irland aufgelegte UCITS-ETFs profitieren bei US-Dividenden von günstigen Doppelbesteuerungsabkommen, was die Nettorendite nach Quellensteuer erhöht.

Diese Feinheiten sind keine akademischen Details. Sie können über Jahre hinweg mehrere Prozentpunkte Rendite ausmachen – und genau dort liegt eine der Kernaufgaben unabhängiger Anlageberatung: nicht nur bei der Produktauswahl, sondern bei der steuerlich effizienten Strukturierung des Gesamtdepots. Der Artikel „Geldanlage und Steuern in Österreich“ beleuchtet diese Wechselwirkungen zwischen Anlagestruktur und Steuerlast aus einer Gesamtperspektive.

ETFs in der Beratungspraxis: Mehr als ein Kostenthema

Ein häufiges Missverständnis ist, unabhängige ETF-Beratung auf die Empfehlung eines einzigen günstigen Weltfonds zu reduzieren. Das greift zu kurz. Die Frage, wie ein ETF-Portfolio aufgebaut sein soll, hängt von Faktoren ab, die keiner allgemeinen Antwort zugänglich sind: Anlagehorizont, Liquiditätsbedarf, steuerliche Situation, bestehende Vorsorgelösungen, emotionale Risikobereitschaft versus gemessene Risikotragfähigkeit.

Ein konkretes Beispiel: Ein 53-jähriger Selbstständiger mit laufendem Immobilienkredit, einer bestehenden fondsgebundenen Lebensversicherung und dem Ziel, in zwölf Jahren in Pension zu gehen, braucht keine generische ETF-Empfehlung. Er braucht eine Analyse, ob die bestehende Lebensversicherung kosteneffizient ist oder gekündigt werden sollte, wie das Depot im Verhältnis zur Immobilie als Gesamtvermögen strukturiert wird, welche Entnahmestrategie in der Ruhephase Sinn ergibt und welche steuerlichen Konsequenzen die einzelnen Schritte haben. All das ist Beratungsleistung – nicht Produktverkauf.

Genau das macht den Unterschied zwischen einem Beratungsgespräch, das mit einer Produktempfehlung beginnt, und einem, das mit einer Analyse der Gesamtsituation beginnt. Der Beitrag „Wenn der Ruhestand zur Rechenaufgabe wird“ zeigt, welche strukturellen Planungsfragen entstehen, wenn der Übergang in den Ruhestand ohne ausreichende Vorbereitung angegangen wird – und warum Produktfragen dabei erst an zweiter Stelle kommen.

Der europäische Kontext: Passive Fonds auf dem Vormarsch

Der Trend ist eindeutig und er beschleunigt sich. In Kontinentaleuropa stieg die Anzahl monatlich ausgeführter ETF-Sparpläne laut einer aktuellen Studie von 10,8 Millionen im Jahr 2024 auf 15,1 Millionen im Jahr 2025 – ein Zuwachs von 39 Prozent. Das jährliche Sparvolumen wuchs im gleichen Zeitraum von 17,6 auf 22,7 Milliarden Euro. Der Marktanteil von ETFs am gesamten europäischen Fondsmarkt liegt mittlerweile bei knapp 30 Prozent.

Gleichzeitig entstehen neue Produktkategorien: Aktive ETFs – börsengehandelte Fonds mit aktivem Management, die kostengünstiger als klassische aktive Fonds sind – verzeichneten in Europa zuletzt starkes Wachstum. Das verwaltete Vermögen dieser Kategorie stieg bis Ende März 2026 auf 85,6 Milliarden Euro. Ihr Anteil am gesamten europäischen ETF-Markt beträgt allerdings noch rund 3,1 Prozent – passive Produkte dominieren nach wie vor mit 97 Prozent der verwalteten Vermögen.

Für Österreich bedeutet das: Die Produktpalette, aus der unabhängige Honorarberater schöpfen können, wächst. Die regulatorische Basis ist mit dem WAG 2018 und dem MiFID-II-Rahmen vorhanden. Was fehlt, ist flächendeckend das Bewusstsein, dass Finanzberatung immer bezahlt wird – entweder durch ein transparentes Honorar oder durch versteckte Produktkosten. Letzteres ist in einer Welt, in der günstige und transparente ETFs für jeden Anleger zugänglich sind, keine unvermeidliche Realität mehr. Es ist eine strukturelle Entscheidung des Beratungsmarkts.


Quellen: FMA Österreich | OeNB (Oesterreichische Nationalbank) | Bundesministerium für Finanzen (BMF) | WKO Österreich | Morningstar European ETF Market Data 2024 | SPIVA Europe Scorecard | extraETF ETF-Sparplanmarktstudie 2025 | Wikipedia: Exchange Traded Fund