Leidenswege mit Lebensversicherungen – alle profitieren, nur die Kunden nicht
Das Misstrauen gegenüber Lebensversicherungen ist längst kein Randthema mehr – und es reicht weit über die Erinnerung an die Finanzkrise hinaus
Erschienen im Standard, im August 2925
Viele Versicherte stellen heute grundsätzliche Fragen: “Soll ich meinen Vertrag kündigen?”; “Macht es Sinn, die Prämien zu stoppen?”; “Wieso liegt die Auszahlung am Ende so weit unter den ursprünglichen Prognosen?” Die Skepsis trifft nicht nur einzelne Anbieter, sondern das gesamte System. Das Vertrauen ist angeknackst – und das zeigt sich in den Zahlen. Die Stornoquote sinkt nicht etwa, sie steigt. In Deutschland gehen Schätzungen davon aus, dass rund 70 Prozent aller Lebensversicherungsverträge vorzeitig beendet werden. In Österreich sieht es kaum besser aus.
Die Gründe dafür sind breit gestreut. Manche lösen ihren Vertrag aus finanzieller Not oder veränderten Lebensumständen. Immer öfter spielen jedoch andere Faktoren eine Rolle: unrealistische Erwartungen, mangelnde Wirtschaftlichkeit und Transparenz – und vor allem die geringe Flexibilität vieler Produkte. Das legt einen unbequemen Schluss nahe: Lebensversicherungen werden häufig Menschen verkauft, für die sie schlicht nicht passen. Was als sichere Vorsorge beworben wird, entpuppt sich für viele als starres, wenig anpassungsfähiges Konstrukt, das nicht zu ihrem tatsächlichen Bedarf passt.
Versicherungen und deren Modell
Versicherungen leben vom Prinzip, Risiken in bare Münze zu verwandeln – allerdings nicht zu unserem Vorteil. Ihr Geschäftsmodell funktioniert nur, wenn die Prämien, die wir zahlen, im Schnitt höher sind als das, was sie später an uns ausschütten. Anders gesagt: Jede einzelne Polizze kostet mehr, als statistisch je zurückfließt. Nur so bleibt das System für die Unternehmen profitabel.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Versicherungen per se ein schlechtes Geschäft für uns wären. Auch bei anderen Produkten – ob Neuwagen aus Wolfsburg oder Pizza aus der Holzofenbäckerei – zahlen wir mehr, als die Herstellung kostet. Der Aufschlag finanziert Service, Sicherheit und Bequemlichkeit.
Und genau hier liegt der Knackpunkt: Es gibt viele Situationen, in denen eine Versicherung sinnvoll, ja unverzichtbar ist. Doch zu oft werden Verträge angeboten, die nicht in erster Linie unseren Bedürfnissen dienen, sondern unsere natürlichen Instinkte im Umgang mit Risiko geschickt ausnutzen. Die Folge: Wir zahlen für ein Gefühl der Sicherheit – und übersehen, dass es sich manchmal eher um ein geschickt verpacktes Geschäftsmodell als um echten Schutz handelt.
Magere Aussichten – ein Beispiel aus der Praxis
Meiner Erfahrung nach beherrschen rund 90 Prozent der Menschen, die über eine Lebensversicherung verfügen, keine einfache Kalkulation einer Renditeberechnung (Brutto-, Nettowert und Ähnliches). Folglich bemerken sie Auffälligkeiten meist erst dann, wenn Anlagen mittels Lebensversicherungen negativ sind oder weniger erwirtschaften als die Inflation. Das kann zu vielfältigen Herausforderungen führen und soll anhand eines Praxisbeispiels eines Betroffenen eindrücklich geschildert werden.
In einem früheren Werbeprospekt eines namhaften österreichischen Versicherungsunternehmens wurde unter anderem mit folgenden Phrasen geworben:
Jahre später dann die Ernüchterung:
1. Die versprochene Million in Schilling beziehungsweise 72.672 Euro per 01.04.1989 müsste aufgrund der Wertanpassung gemäß VPI 1976 im Jahr 2023 einem Wert von 168.819 Euro entsprechen.
2. Tatsächlich wird der voraussichtliche Auszahlungsbetrag gemäß Schreiben vom 31.12.2023 nur 37.570 Euro betragen.
Die Million in Schilling wird es somit auch mit unterschiedlichsten Berechnungen wohl nicht werden. Konfrontiert man den Produktanbieter damit, beruft man sich auf schlechte wirtschaftliche Entwicklungen und Kleingedrucktes.
Das Grundübel ist, dass kapitalbildende Lebensversicherungen versuchen, zwei Ziele in einem Produkt zu vereinen, die über unterschiedliche Zeithorizonte und Bedürfnisse definiert sind: Sparen für das Alter gegenüber Absichern des Leidenswegs im Todesfall. Gerade diese unpassende Kombination macht das Produkt ineffizient.
Wenn es primär um den Todesfallschutz geht, ist die separate, reine Risikolebensversicherung deutlich günstiger, flexibler und transparenter. Durch einen separat geplanten Vermögensaufbau erhält man eine deutlich höhere Transparenz, Flexibilität und bessere Renditechancen.
Alle profitieren – nur der Kunde nicht
Kaum sind die Schlagzeilen über frühere Fehlentwicklungen verklungen, treten Versicherungsunternehmen wieder mit frischem Selbstbewusstsein auf den Plan – und preisen neue Lebensversicherungen als moderne Antwort auf die Sorgen von heute an. Was in den Hochglanzbroschüren glänzt, wird im Kleingedruckten jedoch rasch matter: hohe Kosten, undurchsichtige Gebührenmodelle, jahrzehntelange Bindungen und der Umstand, dass ein vorzeitiger Ausstieg meist nur um den Preis saftiger Abschläge möglich ist.
Die nach wie vor alarmierend hohe Stornoquote ist kein Zufall. Einer der Hauptgründe: Die wirtschaftliche Bilanz vieler Produkte fällt für die Kunden ernüchternd aus. Und dennoch lassen sich Jahr für Jahr erstaunlich viele Menschen erneut auf einen Vertrag ein. Nicht selten ist es derselbe Berater, der den Ausstieg begleitet – nur um gleich darauf ein “attraktiveres” Angebot zu präsentieren. Versprochen werden bessere Konditionen, höhere Erträge, mehr Flexibilität.
Die Realität spricht eine andere Sprache: Laut Statistik endet der Durchschnittsvertrag nach etwa sieben Jahren – weit vor dem ursprünglich geplanten Ablauf. Was als langfristige Sicherheit gedacht war, erweist sich damit oft als kostspielige Zwischenlösung. (Bernhard Führer, xx.08.2025)




